1
00:00:00,680 --> 00:00:02,840
Inklusionsbarometer Arbeit.

2
00:00:05,320 --> 00:00:10,080
3 Fragen an Christina Marx,
Sprecherin der Aktion Mensch.

3
00:00:12,040 --> 00:00:15,520
Wie lassen sich die Ergebnisse der Studie
in diesem Jahr bewerten?

4
00:00:19,160 --> 00:00:22,800
Auch im 11. Jahr des Inklusionsbarometers
Arbeit gibt es wieder Licht.

5
00:00:22,800 --> 00:00:25,080
Aber nach wie vor mehr Schatten,
muss man sagen.

6
00:00:25,080 --> 00:00:28,440
Positiv zu bewerten ist, dass gerade
nach der Corona-Pandemie,

7
00:00:28,440 --> 00:00:32,080
die ja eine deutliche Delle im
inklusiven Arbeitsmarkt markiert hat,

8
00:00:32,080 --> 00:00:37,280
in diesem Jahr die Kündigungsquoten
insbesondere auf einem Niedrigstand sind.

9
00:00:37,280 --> 00:00:41,640
Und auch die Zahl der Beschäftigten
mit Behinderung weiter gestiegen ist,

10
00:00:41,640 --> 00:00:42,760
um 5% nämlich.

11
00:00:42,760 --> 00:00:44,800
Das kann aber nicht
darüber hinwegtäuschen,

12
00:00:44,800 --> 00:00:47,240
dass wir von Gleichberechtigung
auf dem Arbeitsmarkt

13
00:00:47,240 --> 00:00:48,840
nach wie vor sehr weit entfernt sind.

14
00:00:48,840 --> 00:00:51,040
Gucken wir uns alleine mal
den Vergleich an

15
00:00:51,040 --> 00:00:54,040
zwischen dem Arbeitsmarkt
von Menschen mit und ohne Behinderung.

16
00:00:54,040 --> 00:00:55,480
So stellen wir nach wie vor fest,

17
00:00:55,480 --> 00:00:58,920
dass z.B. die Arbeitslosenquote
von Menschen mit Behinderung

18
00:00:58,920 --> 00:01:01,640
doppelt so hoch ist wie die
von Menschen ohne Behinderung.

19
00:01:01,640 --> 00:01:04,000
Auch das Thema Langzeitarbeitslosigkeit

20
00:01:04,000 --> 00:01:07,280
hat sich zu dem noch verschärft
in diesem Jahr.

21
00:01:07,840 --> 00:01:09,680
Und Menschen mit Behinderung

22
00:01:09,680 --> 00:01:14,480
sind im Durchschnitt 100 Tage länger
arbeitslos als Menschen ohne Behinderung.

23
00:01:14,480 --> 00:01:18,520
Das zeigt also, dass wir noch
deutlichen Handlungsbedarf haben

24
00:01:18,520 --> 00:01:20,120
auf dem inklusiven Arbeitsmarkt.

25
00:01:20,640 --> 00:01:22,680
Das hat übrigens auch die UN,

26
00:01:22,680 --> 00:01:25,160
das haben die Vereinten Nationen
festgestellt.

27
00:01:25,160 --> 00:01:29,960
Deutschland hat ja vor etwa 15 Jahren
die UN-Behindertenrechtskonvention

28
00:01:29,960 --> 00:01:34,160
unterzeichnet und sich darin
zu umfassender Barrierefreiheit,

29
00:01:34,160 --> 00:01:38,000
Inklusion und Teilhabe
in allen Lebensbereichen verpflichtet.

30
00:01:38,000 --> 00:01:42,560
Deutschland ist im September
noch mal geprüft worden in Genf

31
00:01:42,560 --> 00:01:45,880
und hat da eine deutliche Rüge
erteilt bekommen,

32
00:01:45,880 --> 00:01:48,840
gerade in den Bereichen
Bildung und Arbeit.

33
00:01:48,840 --> 00:01:53,120
Das hat einerseits mit den Sondersystemen
in Deutschland zu tun.

34
00:01:53,120 --> 00:01:58,240
D.h. Menschen in Werkstätten,
das sind 300.000 etwa,

35
00:01:58,240 --> 00:02:01,800
die schaffen den Übergang
auf den 1. Arbeitsmarkt nicht.

36
00:02:01,800 --> 00:02:06,240
Und zudem das Thema Barrierefreiheit,
auch da hängt Deutschland weit zurück.

37
00:02:06,240 --> 00:02:08,760
Das fängt bei der Zugänglichkeit
von Unternehmen an,

38
00:02:08,760 --> 00:02:12,000
geht aber auch weiter
bei der Ausstattung des Arbeitsplatzes.

39
00:02:12,000 --> 00:02:13,480
Also hier ist Handlungsbedarf.

40
00:02:15,120 --> 00:02:19,000
Wie erklären Sie sich die zurückhaltende
Einstellungspolitik der Unternehmen?

41
00:02:19,840 --> 00:02:22,960
Wir sehen im Grunde
2 wesentliche Einstellungshemmnisse.

42
00:02:22,960 --> 00:02:25,720
Einerseits gibt es
nach wie vor Vorbehalte,

43
00:02:25,720 --> 00:02:29,040
auch seitens der Unternehmen,
gegenüber Menschen mit Beeinträchtigung.

44
00:02:29,040 --> 00:02:32,440
Andererseits sind aber auch immer noch
die Unterstützungsmaßnahmen,

45
00:02:32,440 --> 00:02:36,560
auch seitens des Staates, bei vielen
Unternehmen unzureichend bekannt.

46
00:02:37,520 --> 00:02:42,760
Es gibt z.B. Lohnkostenzuschüsse,
es gibt finanzielle Unterstützung

47
00:02:42,760 --> 00:02:46,560
bei der Ausstattung des Arbeitsplatzes,
wenn es um die Barrierefreiheit geht.

48
00:02:46,560 --> 00:02:49,160
Es gibt auch Begleitung
und die Möglichkeit,

49
00:02:49,160 --> 00:02:52,720
auch über Praktika erst mal
Menschen in den Betrieb zu holen.

50
00:02:52,720 --> 00:02:55,360
Das alles ist aber vielen Unternehmen
gar nicht bekannt.

51
00:02:55,360 --> 00:02:58,840
Noch gravierender aus unserer Sicht
sind aber die Vorbehalte,

52
00:02:58,840 --> 00:03:01,920
die nach wie vor existieren,
teilweise unbewusst.

53
00:03:01,920 --> 00:03:04,520
Wir sprechen dann
von unconscious bias,

54
00:03:04,520 --> 00:03:06,200
also unbewussten Vorurteilen.

55
00:03:06,200 --> 00:03:12,000
D.h. man schreibt Menschen
mit Beeinträchtigung zwar zu,

56
00:03:12,000 --> 00:03:15,360
dass sie gut fürs Arbeitsklima sind,
dass sie nett und sympathisch sind,

57
00:03:15,360 --> 00:03:20,440
aber man traut ihnen eben die Kompetenz
und die Leistungsfähigkeit nicht zu.

58
00:03:21,120 --> 00:03:25,520
Wir haben das in vielen Befragungen
und Studien auch schon widerlegt.

59
00:03:25,960 --> 00:03:29,040
Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber,
die Menschen mit Beeinträchtigung

60
00:03:29,040 --> 00:03:31,360
beschäftigen, sagen uns
zum überwiegenden Teil,

61
00:03:31,360 --> 00:03:34,240
nein, wir stellen
keine Leistungsunterschiede fest.

62
00:03:34,240 --> 00:03:37,360
Und insofern ist es
aus unserer Sicht Zeit,

63
00:03:37,360 --> 00:03:39,880
eben vom Reden
wirklich ins Handeln zu kommen.

64
00:03:40,840 --> 00:03:45,000
Welche Potenziale macht das
Inklusionsbarometer Arbeit sichtbar?

65
00:03:46,080 --> 00:03:48,320
Wir sehen im Grunde
2 wesentliche Hebel,

66
00:03:48,320 --> 00:03:51,440
um Menschen mit Beeinträchtigung
in Arbeit zu bringen.

67
00:03:51,440 --> 00:03:54,000
Das eine auf der Seite der Arbeitgeber,

68
00:03:54,000 --> 00:03:56,400
da müssen wir Einstellungshemmnisse
überwinden.

69
00:03:56,400 --> 00:03:59,520
Aber auch auf Arbeitnehmerinnen-
und Arbeitnehmerseite gilt es,

70
00:03:59,520 --> 00:04:03,440
Potenziale zu heben
und mehr Menschen in Arbeit zu bringen.

71
00:04:04,200 --> 00:04:06,880
Bei Arbeitgeberinnen und Arbeitgebern
stellen wir fest,

72
00:04:06,880 --> 00:04:11,360
dass 1/4 der Unternehmen gar keine
Menschen mit Behinderung beschäftigt,

73
00:04:11,360 --> 00:04:13,760
obwohl sie dazu
gesetzlich verpflichtet sind.

74
00:04:13,760 --> 00:04:16,480
Und wenn man noch mal genauer hinguckt,
ist es insbesondere

75
00:04:16,480 --> 00:04:20,360
bei den kleinen Unternehmen
zwischen 20 und 39 Beschäftigten so,

76
00:04:20,360 --> 00:04:23,240
dass hier die Quote
sogar bei 40% liegt.

77
00:04:24,000 --> 00:04:26,880
Da ist es wichtig,
dass wir diese Unternehmen,

78
00:04:26,880 --> 00:04:30,680
die ein großes Potenzial haben, Menschen
mit Beeinträchtigungen zu beschäftigen,

79
00:04:30,680 --> 00:04:35,200
kleine Handwerksbetriebe z.B.,
dass wir sie quasi an die Hand nehmen.

80
00:04:35,200 --> 00:04:39,720
Dafür gibt es jetzt neue, einheitliche
Ansprechstellen für Arbeitgeber

81
00:04:39,720 --> 00:04:42,720
seit 2022, die genau beraten,

82
00:04:42,720 --> 00:04:46,560
die passgenaue Unterstützungsmöglichkeiten
zur Verfügung stellen.

83
00:04:46,560 --> 00:04:48,120
Und die sollten sich auch wirklich

84
00:04:48,120 --> 00:04:50,680
auf diese Gruppe
der kleinen Unternehmen fokussieren.

85
00:04:51,560 --> 00:04:55,320
Wenn wir uns die Arbeitnehmerseite
angucken, da stellen wir fest,

86
00:04:55,320 --> 00:04:59,240
dass etwa 1,3 Mio. Menschen
mit Beeinträchtigung in Arbeit sind.

87
00:04:59,880 --> 00:05:03,760
Zählt man noch die Menschen dazu,
die arbeitslos gemeldet sind

88
00:05:03,760 --> 00:05:07,360
oder in Maßnahmen sind,
dann sind wir ungefähr bei 1,5 Mio.

89
00:05:07,360 --> 00:05:10,480
D.h. wir haben
eine unheimlich große Zahl,

90
00:05:10,480 --> 00:05:12,680
nämlich eine ähnlich hohe Zahl
von Menschen,

91
00:05:12,680 --> 00:05:17,480
die gar nicht im System
zur Verfügung stehen.

92
00:05:17,480 --> 00:05:20,800
Weil sie vielleicht sagen,
ich bin frustriert von der Arbeitssuche,

93
00:05:20,920 --> 00:05:22,560
ich habe schon aufgegeben,

94
00:05:22,560 --> 00:05:25,800
ich werde ohnehin nicht eingeladen
zu Bewerbungsgesprächen.

95
00:05:25,800 --> 00:05:30,720
Hier gilt es natürlich auch anzusetzen
durch spezielle Empowerment-Maßnahmen.

96
00:05:30,720 --> 00:05:32,440
Das fördern wir auch als Aktion Mensch.

97
00:05:32,440 --> 00:05:36,800
Beispielsweise das Matching
von Arbeitnehmern und Arbeitgebern,

98
00:05:36,800 --> 00:05:38,280
Bewerbungstraining.

99
00:05:38,280 --> 00:05:41,400
Aber auch durch die Förderung
von "Inklusionsbetrieben",

100
00:05:41,400 --> 00:05:45,400
wo eben auch speziell Menschen
mit Beeinträchtigungen beschäftigt sind

101
00:05:45,400 --> 00:05:47,680
bis zu einer Quote von maximal 50%.

